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„Rache und was sonst noch zählt":
Autorin berichtete von ihrer Arbeit am Drehbuch

Westfalenpost, 20.12.1997

 

Gevelsberg. (tak) Zu einer Lesung der bekannten Roman- und Drehbuchautorin Annemarie Schoenle lud die Stadtbücherei ein.

 

Bekannt geworden ist die Münchnerin zunächst durch heitere Romane, mit ihrem neuen Kurzgeschichtenband „Rache und was sonst noch zählt" wendet sie sich jedoch vollständig von allen Klischees des Genre „Frauenliteratur" ab.

 

Vier der hintergründigen und teils makabren Geschichten um Liebe, Hass und Vergeltung stellte sie an diesem Abend vor, so etwa „Die gläserne Frau", die erkennen muss, dass sie mehr und mehr der vollständigen Überwachung und Kontrolle durch ihren Ehemann ausgeliefert ist, bis diesem eine kleine Unachtsamkeit zum Verhängnis wird... Trotz ernsthafter Themen wirken die Kurzgeschichten nie nur dramatisch, sondern auch von feinsinnigem Witz durchzogen.

 

Annemarie Schoenles Talent, Drehbücher zu verfassen, wurde nach ihrer Mitarbeit an der ARD-Serie „Vera Wesskamp" entdeckt, so dass sie auch Angebote bekam, eigene Stoffe für die Verfilmung, umzuschreiben. „Die meisten Autoren schreiben nur ungern Drehbücher", erläuterte sie, „da das Innenleben einer Figur meist in Prosa Ausdruck findet. Dialogromane sind dagegen selten."

 

Dass ihre Entscheidung, trotz aller damit verbundenen Nachteile - Kürzung von Szenen oder Streichen von Randfiguren - die Umsetzung ihrer Romane selbst zu übernehmen, sich ausgezahlt hat, beweist der ZDF-Mehrteiler „Nur eine kleine Affäre", für dessen Drehbuch Annemarie Schoenle den Adolf-Grimme-Preis erhielt.

 

Um dem Publikum den Unterschied zwischen ihren beiden Schaffensbereichen zu verdeutlichen, hatte Annemarie Schoenle eine Szene aus ihrem neuesten Roman „Die ungehorsame Frau", dessen Verfilmung mit Veronica Ferres im Januar im ZDF zu sehen ist, jeweils in der ursprünglichen und in der Drehbuchversion mitgebracht.

 

Anhand einer Abschiedsszene erklärte sie, dass im Film, der natürlich in erster Linie optisch Botschaften übermittelt, eine Aufnahme im Freien und Herbststimmung die Gefühle der Figuren besser unterstreichen als ein Schauplatz im Zimmer.

 

Anschließend konnten die Gäste aus erster Hand Einzelheiten über die Arbeit der Autorin erfahren. Sicher überraschend war für die meisten, dass ein Drehbuch meist erst nach drei Fassungen fertig gestellt ist, und eine Fassung vier Monate Arbeitszeit braucht. Durch Einblicke wie diese wurde klar, welche Verantwortung ein Drehbuchautor, dessen Tätigkeit oft im Hintergrund bleibt, für das erfolgreiche Gelingen einer Verfilmung trägt.

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