Wenn Liebe krank macht: Annemarie Schoenle im Interview

Droemer Knaur Verlag, 09/2004

 

Neun Romane, neun Bestseller, neun Verfilmungen für das Fernsehen. Annemarie Schoenle ist eine der erfolgreichsten Roman- und Drehbuchautorinnen Deutschlands. „Eine ungehorsame Frau" mit Veronika Ferres und Michael Degen verfolgten fast zehn Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen. Begeistert wird auch ihr neues Buch „Du gehörst mir" von der Presse besprochen. Im Interview spricht sie über die Hintergründe.

 

In Ihrem neuen Buch „Du gehörst mir" ist Wolf Eckart besessen von dem Gedanken, seine Frau würde ihn hintergehen, betrügen, nicht genauso lieben, wie er sie liebt. Ohne dass wirklich etwas „passiert", kreieren Sie schon auf den ersten Seiten eine Atmosphäre, die dem Leser die Luft abschnürt. Was macht es für einen Schriftsteller so faszinierend, sich mit menschlichen Ängsten auseinander zu setzen?

 

Glück ist kein guter Stoff für Schriftsteller, die menschlichen Abgründe schon. Und die Angst ist ein Urphänomen der Menschen. Wir selbst haben tagtäglich mit Ängsten der verschiedensten Art zu kämpfen. Manche dieser Ängste sind begründet, manche unbegründet. Angst, vom eigenen Mann misstrauisch überwacht zu werden und dadurch gewaltige Störungen im Alltag zu erleiden, isoliert zu sein, verdächtigt und gequält, vielleicht sogar um sein Leben bangen zu müssen, stellt ein Thema dar, das mich schon seit längerer Zeit beschäftigt. Was geht in Täter und Opfer vor? Aufrechterhaltung von Macht und Kontrolle auf der einen und Furcht und Verzweiflung auf der anderen Seite. Eine interessante und sehr bedrohliche Verquickung insbesondere dann, wenn es sich um zwei Menschen handelt, die sich angeblich lieben.

 

Wolf Eckart ist zwanghaft misstrauisch und eifersüchtig. Warum sucht seine Frau die Schuld zuerst bei sich selbst?

 

Melanie, Wolf Eckarts Frau, ist eine sehr warmherzige, um Ausgleich bemühte Person. Sie ist in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens und Liebe groß geworden und somit im wahrsten Sinne des Wortes arglos. Wolfs Art, von anderen Menschen immer nur Negatives anzunehmen, sein krankhaftes Misstrauen, sein totaler Besitzanspruch und der damit verbundene Überwachungswahn, liegen ihrem Denken so fern, dass sie anfangs versucht ist, sich und ihr Verhalten ständig infrage zu stellen, zumal Wolf zu seiner Rechtfertigung oft sehr plausible Gründe nennt und Melanie mit seiner zerknirschten Reue immer wieder aufs Neue von seiner scheinbaren bedingungslosen Liebe überzeugt.

 

Wie weit ist das Phänomen krankhafter Eifersucht Ihrer Meinung nach verbreitet? Kann man diese Form der Eifersucht heilen oder mildern?

 

Was ist krankhafte Eifersucht? Eifersuchtswahn? Stalking? Ich habe natürlich gründlich recherchiert. Ein Mensch mit Eifersuchtswahn besitzt eine private Wirklichkeit, von deren Richtigkeit er absolut überzeugt ist, dieser Wahn bedarf für den Wahnkranken keines Beweises. Beispiel: Ein Ehemann sieht sämtliche Nachbarn seiner Frau als Liebhaber an, ohne dass seine Frau jemals mit einem dieser Männer ein Wort gewechselt hätte. Im Unterschied dazu beziehen sich beim krankhaft Eifersüchtigen die Wahnideen auf reale Ereignisse, die überinterpretiert werden. Wolf Eckart betrachtet jeden Mann, mit dem Melanie sich unterhält, als potentiellen Liebhaber, er ist aber auch eifersüchtig auf die beste Freundin, auf ihren Vater – und aus diesem krankhaften Verhalten entsteht Stalking. Wolf überwacht und bespitzelt seine Frau, er verfolgt sie und bedroht sie auch psychisch, als sie ihn vorübergehend verlässt. Menschen wie Wolf sind schwer krank und bedürfen ärztlicher Hilfe. Sicher kann es nach einem langen psychotherapeutischen Weg Heilungen oder Milderungen geben, aber ich befürchte, dass die meisten der krankhaft Eifersüchtigen diesen Weg nicht beschreiten.

 

Nach „Ich habe nein gesagt" ist „Du gehörst mir" Ihr zweiter Roman, der sich mit der „Ehehölle" auseinandersetzt. Inwieweit werden krankhafte Verhaltensweisen psychisch labiler Menschen durch die scheinbare Sicherheit einer Ehe noch befördert?

 

Ich denke, es ist nicht die Sicherheit einer Ehe, die diese krankhaften Verhaltensweisen befördert, sondern das diffuse und falsche Gefühl: „Jetzt gehörst du mir." Jeder Mensch, auch wenn er in einer Partnerschaft lebt, hat Anspruch auf Intimsphäre und Freiräume. Keiner gehört dem anderen. Man hat sich lediglich dazu entschlossen, das Leben gemeinsam zu meistern. Dies alles ist hinlänglich bekannt, aber in den Köpfen noch nicht verankert. Besitzdenken, Machtansprüche – und schon befinden wir uns mittendrin in den Ehe- oder Partnerschaftshöllen!

 

Welche Möglichkeiten haben Betroffene, sich legal gegen Angriffe des Ehepartners auf die eigene körperliche Gesundheit oder die Privatsphäre zu wehren?

 

Leben die Partner noch zusammen und erfolgt keine körperliche Gewaltanwendung, sondern „nur" psychische Bedrohung, Bespitzelung, ständige Kontrolle und Einschränkung, bleibt als letzter Ausweg meines Erachtens nur die Trennung. Hören die Bedrohungen und Belästigungen nach der Trennung nicht auf, hat man es mit einem typischen Fall von „Stalking" zu tun. In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Kanada, Australien und den USA den Straftatbestand des „Stalking" als eigenständiges Delikt nicht. Als andere Tatbestände kommen infrage: Körperverletzung, Beleidigung, Bedrohung, Nötigung, um nur einige zu nennen. Werden die Belästigungen ständig fortgesetzt, kann Anzeige erstattet werden, oft ohne geringen Erfolg, denn sowohl gesellschaftlich wie polizeilich ist der durch das Gewaltschutzgesetz normierte Tatbestand der unzumutbaren Belästigung durch Nachstellung immer noch relativ unbekannt. Übrigens – der Begriff Stalking kommt aus der Jägersprache. „To stalk" bedeutet „Pirschen, Anschleichen".

 

Wie eifersüchtig ist das von Jobst Wagner – Wolf Eckarts Schwiegervater – propagierte „normale Maß"?

 

Normale Eifersucht stellt keine Eifersucht dar, sondern bedeutet ein normales Fordern von Treue, Verlässlichkeit und die reale Angst vor dem Zusammenbruch einer Beziehung. Natürliche Eifersucht ist nicht abnorm. Erst wenn ihr Verhältnis zum Vertrauen sich krankhaft verschiebt, wird sie es.

 

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft." Eine alte Volksweisheit. Wie viel Wahrheit steckt Ihrer Meinung nach darin?

 

Ein großes Stück Wahrheit. Das Wort setzt sich ja zusammen aus Eifer und Sucht. Sucht kommt von „siech", was so viel wie krank bedeutet. Die törichte Sucht des Eiferns – sie schafft allen Betroffenen großes Leid.

 

Sind Sie eigentlich verheiratet?

 

Oh ja, ich bin verheiratet, aber weder mein Mann noch ich sind von abnormer Eifersucht befallen, Gott sei Dank. Doch ich habe sie im Bekanntenkreis erlebt und weiß, wie schlimm sie sich für alle Beteiligten auswirkt.