Frauen spielen bei ihr immer die erste Geige

Tagespost, Erfurt, 25.10.1990

Von SUSANNE REDEN

 

Annemarie Schoenle heißt die Autorin des vorwiegend heiteren Romans „Frühstück zu viert", der von Freitag dieser Woche an als neuer Fortsetzungsroman in der TAGESPOST erscheint. Er ist das Erstlingswerk der 43jährigen Münchnerin, die nach eigener Aussage „schon als Kind geschrieben" hat, zu jener Zeit allerdings mit Vorliebe „ganz grausliche Sachen" - alle Akteure in ihren ersten schon mit zehn Jahren verfassten Werken schieden dahin.

 

Mittlerweile hat sich Annemarie Schoenle zu einer hauptberuflichen Autorin gemausert, die das heitere Genre bevorzugt. Der Mangel an guten heiteren Büchern und Filmen ist ein Indiz dafür, wie schwierig dieses Genre zu bewältigen ist. Die großen Themen des Lebens und die alltäglichen Banalitäten mit Humor und leichter Hand ins Bild zu setzen, ohne dabei ins Seichte abzugleiten, scheint gerade deutschen Künstlern besonders schwer zu fallen. Unterscheidet man doch im „Land der Dichter und Denker" immer noch „U" von „E", wobei „Unterhaltung" für „seicht, unkünstlerisch" und „E" für „ernsthaft und ernst zu nehmend" stehen.

 

Auf den ersten Blick könnte der Leser meinen, da schreibe eine „Emanze", erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass Annemarie Schoenles Romane nichts, aber auch gar nichts mit den in der Mehrzahl der Fälle sich eher humorlos und belehrend gebärdenden Frauenbüchern („von Frauen und für Frauen") zu tun haben. Obwohl in ihren Geschichten immer Frauen die Hauptfiguren sind oder - im übertragenen Sinn - die erste Geige spielen.

 

Auf Umwegen fand die 43jährige zur hauptberuflichen Schriftstellerei, und das auch nur über den berühmten Zufall. Vor fünf Jahren landeten ein paar ihrer Kurzgeschichten auf dem Schreibtisch einer renommierten Hamburger Agentur, und da passierte das, was Annemarie Schoenle heute „mein kleines Wunder" nennt. Die Geschichten wurden veröffentlicht, und die Autorin „erwachte". Rückschauend sagt sie: „Nach meinem ersten Roman ‚Frühstück zu viert', der im Frühjahr 1989 erschien, ging es Schlag auf Schlag." Der zweite Roman hieß „Ringelblume sucht Löwenzahn". Im letzten Herbst wurde „Und abends nur noch Mondschein" veröffentlicht, die erste Hardcover-Ausgabe. „Nur eine kleine Affaire" wird im Frühjahr 91, ein Taschenbuch mit heiteren Kurzgeschichten „Lieben Sie Langusten?" wird im Herbst des nächsten Jahres in den Regalen der Buchhandlungen stehen.

 

Leicht hatte sie es nicht, aber wenn sich Können und Glück paaren, ein Schuss Mut hinzukommt, auch ein bisschen Selbstkritik, dann ist es gar nicht so beschwerlich, berufliches Neuland zu betreten. Den Mut, vorgezeichnete Bahnen zu verlassen, zeigte die Münchnerin bereits, als sie in jungen Jahren nach dem Besuch der bayerischen Beamtenschule, auf „ein geordnetes Dasein als Staatsdienerin verzichtete". Ihre Geisteshaltung sei „zu renitent gewesen." Danach arbeitete Annemarie Schoenle als Chefsekretärin eines Werbeverlags und wurde später Büroleiterin in einem Münchner Konzern. Vor zwei Jahren schließlich hängte sie wieder eine bürgerlich-sichere Existenz an den Nagel, um nur noch zu schreiben. Allerdings – „Ohne meinen Mann und meine Tochter hätte ich es nicht geschafft; die beiden haben sich großartig verhalten. Man muss den Rücken frei haben, um kreativ arbeiten zu können." Ihre Familie war so tolerant, dass sie sich jahrelang oftmals mit Würstchen und Butterbrot zufrieden gab, während Mutter nach ihrem anstrengenden Bürotag schrieb.

 

Annemarie Schoenle lernte im Laufe der Zeit, beim Schreiben „aus sich herauszugehen." Sie, die sich selbst „als stinknormale Person von süddeutscher Offenheit" bezeichnet, ist eine geborene Optimistin. Sie schreibt heiter, bleibt dabei jedoch realistisch und schließt zumeist mit dem Happy-End („Das gehört beim heiteren Roman dazu"). Humor ist ihr wichtig. Männer dienen der Autorin in ihren Romanen nur als schmückendes Beiwerk. Sie schreibt lieber über ihre Geschlechtsgenossinnen. „Ich verstehe mich gut mit Frauen, da habe ich keine Berührungsängste. Einer männlichen Hauptperson könnte ich vielleicht nicht gerecht werden."

 

Zur Frauenliteratur hat die Autorin ein distanziertes Verhältnis: „Ich hoffe, dass ich mit meiner Art zu schreiben allen Menschen etwas gebe, ihre Probleme erkennen und vielleicht sogar auch lösen helfe." Ärgerlich ist sie, wenn man Autoren wie sie in die Gilde der Trivialschreiberlinge einreiht. Als ob nur „ernste Bücher" Probleme lösen könnten: „Ich will ermutigen, Hoffnung geben, und dazu ist auch Humor nötig." Auf sich bezogen meint sie, dass Wichtigtuerei, womöglich Selbstbespiegelung, den Blick auf die anderen Menschen verbaut.

 

Annemarie Schoenle registriert seismographisch das Echo auf ihre Werke. Von Frauen kommen vornehmlich Leserbriefe, die in dem Tenor gipfeln ‚Sie haben mir aus der Seele geschrieben!'.

 

Die Autorin arbeitet sehr diszipliniert. Ihr Tag ist lang: Sie schreibt und ändert und das so lange, bis der Text ihren Ansprüchen genügt: „Ich bin eine Perfektionistin."

 

Mann und Tochter lesen ihre Manuskripte. Sie sind ihre ersten Kritiker und geben schon mal Tipps, was ihrer Meinung nach noch fehlt oder zuviel ist. „Mein Mann als Mathematiker ist für die Logik zuständig." Die 19jährige Sonja kümmert sich eher um die romantischen Seiten in Mutters Büchern – „Jetzt muss aber mal wieder eine Liebesszene kommen."

 

Die TAGESPOST druckt ihr Erstlingswerk als Fortsetzungsroman, und Annemarie Schoenle ist ganz glücklich: „Mein Mann und ich wollen demnächst die alten Städte in Thüringen besuchen."